Prof. Dr. Friedrich Balke & Dr. Christoph Engemann

„Jedes Ich ein Wir“

Schreibszene und Gesetzgeber im Kontext politischer Vergemeinschaftungsprojekte

HIER KÖNNEN SIE DEN PODCAST DES VORTRAGES ANHÖREN.

Mittwoch, 5. Februar 2014 | 17:00 Uhr | Hörsaal A 703

Die zeitgenössische Karriere alternativstaatlicher Vergemeinschaftungsprozesse hängt von spezifischen Organisations- und Dokumentationspraktiken ab, wie sie die digitalen Netzwerkmedien hervorgebracht haben. Im ersten Teil des Vortrags (Christoph Engemann) wird unter Rückgriff auf die RFC-Dokumente gezeigt, wie bereits in den Anfängen des Internet eine spezifische Schreibszene statt hat. Netzwerke entstehen und wachsen, indem sie die Angeschlossenen veranlassen ihre jeweiligen Schnittstellennotwendigkeiten zur Verfertigung ihrer Anschlussfähigkeit zu veröffentlichen. Wechselseitige Kommentierung des so ausgestellten Anschlusswunsches führt zu wechselseitiger Vernetzung und wechselseitige Vernetzung zu wechselseitiger Kommentierung. Eine Figur, die spätestens mit Liquid Democracy der Piratenpartei nicht mehr nur in der Sphäre der Netzverwaltung auftritt, sondern mit universalistischem Anspruch politikmächtig geworden ist. Jedes kommunikativ gesetzte Ich könnte Ausgangspunkt eines Wir, einer Gemeinschaft sein und somit stellen sich Fragen nach Formaten und Medien des Dezisionismus: wie und unter welchen Bedingungen entscheiden sich Optionen des Wir?

Der zweite Teil des Vortrags (Friedrich Balke) zieht den an die literarische und publizistisch- philosophische Kommunikationstechnik gebundenen Vergleichsfall der bürgerlichen Kulturrevolution heran, in deren Rahmen eine Vielzahl von politischen Teilhabeutopien entwickelt wurden, die die soziale und politische Existenz und das durch sie ermöglichte ‚gute Leben‘ an immer spezifischere, lokale Voraussetzungen und komplexere Regelungserfordernisse knüpften. Am Beispiel des Radikaldemokraten Rousseau soll gezeigt werden, dass in der Figur des Gesetzgebers das „ Außergewöhnliche“ der alternativstaatlichen Mobilisierung verankert ist: Während Rousseau dem Gesetzgeber, dessen Amt „ weder Verwaltung noch Souveränität“ ist, das Privileg einräumte, die Gesetze der kommenden Demokratie zu schreiben (dem demokratischen Souverän bleibt allein, sie anschließend in Kraft setzen darf), verankern die zeitgenössischen Selbstvergemeinschaftungsprojekte die Teilhabe bereits in der digitalen Schreibszene selbst, die den singulären Gesetzgeber als schreibendes Kollektiv rekonfiguriert.

Lektüre zur Vorbereitung:

Rousseau, Jean Jacques. Der Gesetzgeber. In: Ders.: Der Gesellschaftsvertrag oder die Grundsätze des Staatsrechtes. Leipzig: Reclam, 44-49.

Rousseau, Jean-Jacques (1978). „Auszug aus Die Bekenntnisse.“ In: Ders.: Die Bekenntnisse. [übers. von Alfred Semerau] Die Träumereien des einsamen Spaziergängers [übers. von Dietrich Leube]. München: Winkler, 627-642.

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