Situationen der Teilhabe

Sommerakademie 2016, Universität Konstanz

 

Die Sommerakademie SITUATIONEN DER TEILHABE wird gemeinsam von der DFG-Forschergruppe “Mediale Teilhabe. Partizipation zwischen Anspruch und Inanspruchnahme”, Universität Konstanz, dem DFG-Graduiertenkolleg Locating Media und dem SFB Medien der Kooperation, Universität Siegen, sowie dem Graduiertenkolleg Lose Verbindungen. Kollektivität im digitalen und urbanen Raum, Universität Hamburg veranstaltet.

Sie findet an der Universität Konstanz im Senatssaal vom 12. bis 16. September 2016 statt.

Programm (klein)

Poster

Die Untersuchung des Zusammenhangs von Medien und Partizipation bedarf einer Analyse der je spezifischen relationalen Gefüge, in denen Teilhabende und Nicht-Teilhabende, Einschluss und Ausschluss, Gemeinschaft und Subjekt, menschliche und nicht-menschliche Akteure wechselseitig verfertigt werden. Unter dem Konzept „Situationen der Teilhabe“ werden im Rahmen dieser Sommerakademie deshalb unterschiedliche mediale Konstellationen in ihren raumzeitlichen Besonderheiten beleuchtet. Mit dem Begriff der Situation ist sowohl eine besondere Lokalität, als auch eine (historische) Gegebenheit angesprochen, in der Teilhabe an Vorgängen der Gemeinschaftsbildung ermöglicht, erschwert oder verhindert wird. Teilhabe ist in Raum und Zeit situiert wie sie gleichzeitig für Teilhabende und (noch) nicht Teilhabende situierend wirkt und spezifische situationsbezogene Anforderungen an sie stellt.

Keynote: Was ist eine Situation? | Tristan Thielmann (Siegen)

Eine Reihe von wissenschaftlichen Disziplinen und künstlerischen Vorhaben hat in der Vergangenheit versucht, Situationen zu erforschen. Dabei bleibt häufig im Unklaren, was eigentlich eine Situation ist, durch welche äußeren Strukturmerkmale diese geprägt ist. Gängige Definitionen verlagern häufig lediglich die Problemstellung, indem beispielsweise behauptet wird, die Bedeutung einer Situation läge in der Interaktion. Der Vortrag erläutert, durch welche Grunddeterminanten eine Situation gekennzeichnet ist. Anhand einschlägiger Beispiele wird gezeigt, dass sich Situationen als fortwährende Probehandlung skizzieren lassen

Tristan Thielmann ist Professor für Science and Technology Studies an der Universität Siegen. Er leitet das DFG-Graduiertenkolleg 1769 „Locating Media“. Mit den Teilprojekten „Navigation in Online-/Offline-Räumen“ und „Wissenschaftliche Medien der Praxistheorie“ ist er am DFG-Sonderforschungsbereich 1187 „Medien der Kooperation“ beteiligt. Tristan Thielmann hat Medienwissenschaft, European Media and Cultural Studies sowie Experimentelle Mediengestaltung studiert und in der Kommunikationswissenschaft promoviert. 2008 war Tristan Thielmann Visiting Fellow der Software Studies Initiative an der University of California San Diego und 2011/12 Visiting Fellow am Comparative Media Studies Program des Massachusetts Institute of Technology. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Mediengeographien und Medienmethodologien, Navigation and Software Studies sowie kulturelle Karto- und Technographien.

 

 

Regionalität | Moderation: Robert Stock (Konstanz)

Als Begriff mittlerer Reichweite zwischen Lokalität und Globalität bezieht sich Regionalität sowohl auf eine räumliche Begrenztheit, als auch auf den Umstand, dass ein Gebiet durch spezifische Charakteristika mehrere Orte umfassen und so Vorgänge der Gemeinschaftsbildung prägen kann. Regionale Gemeinschaften können von Marginalisierung und beschränktem Zugang zu, gar Ausschluss von überregionalen Vorgängen gekennzeichnet sein wie sie ebenso ihr Zusammensein als eine besondere Form des Teilhabens in und an einer Region bestimmen können, wobei medientechnische Konstellationen (Regionalsender, regionale Tageszeitungen, bürgerjournalistische Blogs, ortsbezogene Apps) sowohl Begrenzung als auch Einheitsbildung verfertigen. Als kritischer Begriff vermag Regionalität die zunehmende Durchdringung von Globalität und Lokalität kenntlich zu machen wie auf die Ortsgebundenheit und Situiertheit von Wissen zu verweisen: Ortskundigkeit, ein spezifisch regionales Wissen hat begrenzte Geltung und Relevanz. Es verweist auf die enge Verflechtung von Macht und Wissen, fungiert jedoch gleichzeitig als Bedingung von Teilhabe innerhalb eines bestimmten Gebiets und unterscheidet Regionen voneinander. Mittels des Konzepts der Regionalität können somit die Grenzen zwischen Teilhabe und Nicht-Teilhabe ebenso diskutiert werden wie Schauplätze der Teilhabe in den Blick rücken, in denen Grenzen zwischen und Unterscheidungen von Regionen als Garanten der Gemeinschaftsbildung bespielt werden. Regionalität wäre somit nicht nur im geographischen Sinne, sondern als eine epistemologische Figur zu verstehen, die unterschiedliche Wissens- und Kenntnisbereiche als Bedingung für Situationen der Teilhabe in den Blick rückt.

 

Infrastrukturen | Moderation: Judith Ackermann (Siegen)

Der Begriff der Infrastrukturen hat, spätestens seit der Diskussion Großer Technischer Systeme (GTS) und ihrer Fortführung in Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) und Science and Technology Studies (STS), Trennungen zwischen sozialen und technischen Faktoren der Teilhabe nachhaltig in Frage gestellt. Infrastrukturen organisieren soziotechnische Teilhabeformen, lokale, regionale wie globale Zugänge zu Mobilität, Bildung, Energie und Kommunikation. Der Begriff umfasst sowohl die großen, gebauten, zu reparierenden und auf Dauer gestellten Infrastrukturen, organisatorische Praktiken zur stetigen Realisierung von Arbeit wie auch kleine, situative Momente des „Infrastrukturierens“. Infrastrukturen werden dabei fortwährend neu verfertigt. In ihnen wird jeweils orts- und situationsbezogen agiert. Sie bringen im Falle öffentlicher Infrastrukturen stets Fragen der Teilhabe, Kontroversen um Zugang, Nutzungsformen und Allgemeingüter (Commons) mit sich. Im Falle privater Infrastrukturen entzünden sich an ihnen oftmals Eigentumsfragen. Durch die Auseinandersetzung mit den GTS und ihre Diskussion in der ANT und den STS hat sich mittlerweile ein praxistheoretisches Verständnis von Infrastrukturen etabliert. So haben Susan Leigh Star, Karen Ruhleder und Geoffrey Bowker den Begriff des „infrastructuring“ entwickelt, mit dem sich nicht nur der Umgang mit digitalen Arbeitszusammenhängen und Software-Umgebungen präzise beschreiben lässt. Durch infrastructuring werden Situationen der Teilhabe wechselseitig hergestellt, und zugleich werden Situationen wechselseitig infrastrukturiert, indem Akteure sich über Maßstab und Reichweite ihres Handelns verständigen. Jede Infrastruktur, so ist anzunehmen, bringt ihre spezifischen Situationen der Teilhabe, aber auch der Nicht-Teilhabe mit sich. Diese werden zumeist – gerade im Fall medialer Infrastrukturen – kontrovers und öffentlich ausgehandelt: Situationen individueller und kollektiver Teilhabe an Infrastrukturen lassen sich über eben jene strittigen und reflexiven Momente erfassen, in denen die gemeinsam genutzten Ressourcen auf dem Spiel stehen.

 

 

Affektivität | Moderation: Beate Ochsner (Konstanz) & Michael Liegl (Hamburg)

Die Situiertheit von Teilhabe verweist auf die in der Situation anwesenden Körper, mit denen partizipiert wird. Diese werden nicht länger ausschließlich als Displays und damit als (unwillkürliche) Kommunikationspartizipanden thematisch (wir können nicht aufhören mit unseren Körpern zu kommunizieren), sondern kommen zunehmend als empfindende Körper in den Blick. Affektive Körper unterlaufen in ihrem Reagieren nicht nur den rationalen Akteur sondern auch den in Praktiken involvierten routinierten Körper, an Praktiken routiniert und gekonnt teilnehmenden Körper. Affektive Situationen der Teilhabe zwischen heterogenen Akteuren verweisen damit im Gegensatz zu den anderen genannten Teilhabeprozessen besonders auf bestimmte Qualitäten der Intensität, der Gefühle, der Spannungen, der Stimmungen oder auch der Involviertheit. Daher ist auch besonders die Materialität der Körper, die Körperlichkeit der Akteure entscheidend. Affekte haben selbst eine Eigenlogik, die sich primär körperlich zeigt. Ohne dass die Intention der beteiligten Akteure das Entscheidende wäre, bringen Affekte unterschiedliche Akteure zusammen und können sie auch wieder voneinander lösen. Affektive Beziehungen kennzeichnet häufig eine starke Dynamik im Spannungsfeld einer losen – festen Verbindung, wobei nicht ausgeschlossen ist, dass Affekte eine Teilhabesituation besonders stabilisieren können. Die Dynamik und Wirkmächtigkeit von Affekten lassen sich jedoch niemals stillstellen. Vielmehr ermöglichen gerade affektive Beziehungen ganz neue Formen der Verbindung oder Gemeinschaftlichkeit. So ist es besonders interessant die Intensitätskurven unterschiedlicher Phänomene zu analysieren, bspw. ihre Spannungen/Entspannungen oder Versammlungen; gleichzeitig ermöglichen diese Beziehungen eine spezifische Erfahrung der Individualität und Kollektivität. Die Dynamisierung, die Affekttheorien durch die Betonung der Eigenständigkeit des affektiven (reizbaren) Körpers ins Soziale einbringen geht allerdings mit einer Fokussierung biowissenschaftlicher Konzepte einher, deren Anspruch auf Zuständigkeit in Sachen Körper und damit die etablierte disziplinäre Arbeitsteilungen festigt. Für die empirische Auseinandersetzung mit der Affektivität situierter Teilhabe sind Sozialwissenschaften somit sowohl theoretisch als auch methodisch / empirisch gefordert.

 

 

Kontakt

Robert Stock MA
Koordinator
DFG-Forschungsgruppe “Mediale Teilhabe. Zwischen Anspruch und Inanspruchnahme” Medienwissenschaften
Universität Konstanz
Fach 157
D- 78457 Konstanz
Telefon: +49 (0)7531 88 2455
Email: robert.stock[at]uni-konstanz.de

http://www.mediaandparticipation.com

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