Teilprojekt 1

UnitedKingsom

Elemente einer kritischen Theorie medialer Teilhabe

Projektleiter: Prof. Dr. Erich Hörl (Leuphana Universität Lüneburg)
Mitverantwortlich: Prof. Dr. Roberto Nigro (Leuphana Universität Lüneburg)

Mitarbeiter: Milan Stürmer, Michel Schreiber
Studentischer Mitarbeiter: Jonas Kellermeyer

Zusammenfassung

Das medien-philosophisch-ethnologische Projekt unternimmt eine grundlegende historisch-systematische Neuverortung von Teilhabe mit dem Ziel, zentrale Elemente einer Theorie medialer Teilhabe zu formulieren, von denen ausgehend die dringliche Kritik von Relationalität in Angriff genommen werden kann. Mediale Teilhabe kommt dabei als spezifische Weise von Partizipation in den Blick, als Name einer bestimmten historischen, nämlich der heutigen, unter der technoökologischen Bedingung stehenden Formation von Partizipation.

In der Zeit medialer Teilhabe, so die Leitthese, erscheint die Partizipationsfrage an der Kreuzung von vier Problematisierungs-linien: der relationalen Transformation von Macht, Kapital, Subjektivität und des Gemeinsamen. Das Hervortreten von Relationalität als solcher, das diesen Umbruch markiert, basiert an zentraler Stelle auf der flächendeckenden Durchsetzung relationaler Technologien, die nicht nur in Beziehung setzen und Beziehungen herstellen, sondern diese auch operationalisieren und ausbeuten und dabei die vorherrschende Macht-, Kapital- und Subjektivitäts-Form sowie die Form des Gemeinsamen entsprechend relational rekonstituieren. Infolge des radikalen Hervortretens von Relationalität wird zudem eine bislang ungedachte historische Bewegung signifikant, die unter Bedingungen des Medialen steht und als Übergang von der Teilnahme zur Teilhabe begriffen werden kann.

Entlang der vier Problematisierungslinien gliedern sich zwei Arbeitsbereiche (AB), die jeweils zwei Aspekte der relationalen Wende perspektivieren. AB1: „Das Ökonomische der Teilhabe“ erarbeitet die Grundzüge der relationalen Macht- und Kapital-Form. Ausgehend von der ethnoanthropologischen Umwertung von Relation, wie sie paradigmatisch bei Marilyn Strathern stattfindet und für die Genese des neuen Relationalismus der Theorie überhaupt zentral ist, wird die Rolle des Tauschparadigmas und seiner Verabschiedung durch die zeitgenössische Kapital-Form rekonstruiert. AB2 „Das Politische der Teilhabe“ fokussiert die relationale Subjekt-Form und Form des Gemeinsamen. Im Mittelpunkt steht die Ausarbeitung der Differenz von Teilhabe und Teilnahme, die die Partizipationsfrage schematisiert. Der bisherige, für die Moderne signifikante politische Kern der Partizipation als Beziehung zwischen Individualität, Eigentum und Aneignung wird in Frage gestellt und stattdessen eine nicht-eigentümliche Partizipation und eine nicht durch Aneignung und Eigentum definierte Individualität als Kernmomente medialer Teilhabe skizziert.

Die angestrebte Kritik medialer Teilhabe intendiert nicht die Verwerfung von Relationalität, sondern deren Rettung. Zu diesem Zweck wird der Begriff der Partialität geschärft, der sich ausgehend von der relationalen Anthropologie in zeitgenössischen kritischen Theorien etabliert. Relationalität in der Zeit medialer Teilhabe kann nur partial sein, soll sie sich der herrschenden relationalen Macht-, Kapital-, Subjektivitäts-Form und Form des Gemeinsamen entziehen.

 

Technoökologien der Teilhabe.
Eine medien-philosophisch-ethnologische Neuperspektivierung
(abgeschlossen: 2015-2018)

Projektleiter: Prof. Dr. Erich Hörl (Leuphana Universität Lüneburg)

Mitarbeiter: Yuk Hui
Studentischer Mitarbeiter: Milan Stürmer

Veröffentlichungen des Projekts

Zusammenfassung

Das Projekt legt zwei für die Genesis und Geltung des Teilhabebegriffs im 20. und frühen 21. Jahrhundert sehr bedeutende, bislang aber wenig beachtete diskursive Entwicklungslinien frei. Im Fokus stehen philosophische und ethnologisch-anthropologische Reevaluationen des Begriffs, die in hohem Maße die heute stattfindende Neubeschreibung unserer Gegenwart tangieren. Die zu rekontextualisierenden Theorieströme reichen von Lévy-Bruhls Spekulationen über vormoderne partizipative Seinsweisen, Simondons amoderner Philosophie partizipationsbasierter physikobiologischer und psychokollektiver Individuationsprozesse bis hin zu den partizipativen Kosmologien und menschliche wie nichtmenschliche Handlungsmächte zusammenführenden Kollektiven des New Animism, Perspektivismus und Multinaturalismus, die zentrale Impulsgeber der zeitgenössischen Suche nach Formen nichtmodernen Denkens sind. Gemeinsam erneuern diese Unternehmungen den theoriepolitischen Einsatz der Partizipationsfrage dramatisch. Hier gerät Partizipation nahezu zu einem anderen Schauplatz des gegenwärtigen Zeitalters. Hier wird der Begriff als solcher umgewertet, wird Partizipation in aller Radikalität als ursprüngliche und unhintergehbare Beziehung gedacht, die die Terme der Beziehung je schon mitkonstituiert, dergestalt als Kernmoment einer neuen, jetzt rückhaltlos relationalen Einstellung ins Spiel gebracht. Die Relation der Partizipation wird mindestens implizit als die Beziehung der Beziehungen inauguriert und erscheint als das Herzstück eines neuen Paradigmas. Eine partizipative Ontologie, Epistemologie, ja schließlich ein partizipatives Bild des Denkes sind die weitreichenden Folgen dieser Wende.

Auf eben jenen Feldern kristallisiert sich zugleich auch genau jene historische Semantik heraus, die Seite an Seite mit der Partizipation die relationale Einstellung zu verkörpern beginnt und die heute auch für die Reperspektivierung der medientechnologischen Kondition immer größere Bedeutung gewinnt: die historische Semantik der Ökologie. Die Ausbreitung und Durchsetzung dieser Semantik erweitert den Begriffsgehalt in Richtung nicht-natürlicher Ökologien. Wenn heute am vorläufigen Höhepunkt des Kybernetisierungsprozesses eine environmentale Medienkultur ubiquitärer Rechenmaschinen, sensorischer Umgebungen, algorithmischer Umwelten, multiskalarer Netzwerktechnologien und lokativer wie mobiler Medien zu einer Explosion umweltlicher agency geführt hat, so ist parallel dazu Ökologie zu einem Konzept mutiert, mit dem die entsprechenden Transformationen der Existenzweisen und Lebensformen, von Subjektivität, Affektivität, Kollektivität, Kognition, Erfahrung erfasst werden. Auch diese konzeptuelle Innovation geschieht maßgeblich in den hier gegenständlichen Kontexten. Die Relation der Partizipation erscheint dabei als integraler Bestandteil und sogar Schlüssel einer verallgemeinerten Ökologie. Indem dieses Projekt zentrale philosophische und anthropologische Ökologien der Partizipation des 20. und 21. Jahrhunderts in ihren medien-, wissens- und diskursgeschichtlichen Details untersucht, arbeitet es an der Archäologie der Gegenwart.