Das Cochlea Implantat als Quasi-Objekt

Vortrag von Beate Ochsner und Robert Stock:

Schnittstellen zwischen Hören und Nicht-Hören – Das CI als Quasi-Objekt

INTERDISZIPLINÄRER WORKSHOP:
SUPERABLED. TECHNISCHES ENHANCEMENT DURCH PROTHETIK
Freiburg University College, 23.-24. Juni 2014
Das Programm des Workshops findet sich hier.

ABSTRACT

Das Cochlear Implantat (CI), seine technische Genese und soziale Wirkung bie-
ten auf exemplarische Art und Weise die Möglichkeit, die Verschränkung von
Technik und Mensch zu untersuchen. Dabei geht es nicht darum, die von Me-
dizinern und Ingenieuren propagierte Erfolgsgeschichte einer neurotechnischen
Prothese zu wiederholen, vielmehr besteht das Ziel darin, das Spannungsverhält-
nis von technologischer Bedingung und menschlicher Erfahrung in ihrer Wech-
selseitigkeit zu beleuchten und die Folgen des Enhancements für den menschli-
chen wie auch den sozialen Körper zu beschreiben.

Im Versprechen auf Mitsprache versammelt das CI unterschiedliche Akteure,
die als Effekte oder Verkettungen des soziotechnischen Arrangements aufzufassen
sind, in dem die Interaktionen vermittelt werden. Dabei materialisieren sich die
Akteure in gleichem Maße im CI, wie jenes in diesem Handlungszusammenhang
hergestellt wird. Aufgrund seiner Lage als Dazwischenliegendes, das seine Funk-
tion aus der Zirkulation bzw. den »Transindividuationsprozessen« (Simondon
2007) zwischen verschiedenen Akteuren erhält, kann das CI als ›Quasi-Objekt‹
(Serres 1987) beschrieben werden, das – gleich ob als Helfer, Hindernis oder Stö-
rung – zum Ausgangspunkt von Handlungsinitiativen wird, ins soziotechnische
bzw. mediale Arrangement eindringt, sich vernetzt und auf Teilhabe- oder En-
hancementbeziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteu-
ren einwirkt. (Schüttpelz 2013; Braun 2000; Latour 1998) Das aus einem unter
die Haut zu verpflanzenden und einem mit Hilfe eines Magneten auf der Kopf-
haut anzubringenden Elementen bestehende CI wird zu einem festen Bestand-
teil seines Trägers. Der Erstaktivierung folgt ein z. T. langwieriger Adaptations-
prozess, in Rahmen dessen sowohl CI, Träger wie auch CI-Träger im Gebrauch
eingestellt und im Netzwerk adaptiert werden.

Während die Medikalisierung der Gehörlosigkeit durch das CI anfänglich
vor allem auf die Rück-gewinnung des Sprachverständnisses zielte, so steht mitt-
lerweile nicht mehr nur die Verständigung mit Hörenden zur Debatte (diese
muss im Übrigen durch diverse Formen des Trainings von den CI-TrägerIn-
nen erst mühevoll erlernt werden). Vielmehr fokussieren neuere Produktlinien
z. B. auf eine optimierte Musikwahrnehmung durch Personal Audio Kabel, In-
duktionskabel oder – haken. Eine andere Entscheidung betrifft die Auswahl von
Accessoires wie den Soundprozessor, die Farbigkeit der Farbkappen und Hin-
terohrelemente oder die Entscheidung für wasserunempfindliche Devices. Auch
die Konnektivität spielt gegenwärtig eine immer wichtigere Rolle: Geräte wie T-
Mic, T-Coil, iConnectTM und DirectConnectTM der Firma Advanced Bionics
bieten etwa die drahtlose Anbindung zu digitalen Endgeräten wie Mobiltelefo-
nen, Bluetooth-Headsets, FM-Sys-temen, Induktionsschleifensystemen, MP3-
Playern und Tablets. Insofern ist das CI – in ähnlicher Weise wie auch klassi-
sche, d. h. rein verstärkende Hörgeräte – nicht mehr nur als ›Prothese‹ zu ver-
stehen, sondern fügt sich als Life-Style-Produkt in den Diskurs um das Human
Enhancement ein. Dazu trägt auch die Miniaturisierung dieser Devices in Zei-
ten von Nanotechnik bei (Mills 2011), die zum Verschwinden von – im sozialen
Kontext oft stigmatisierenden – Merkmalen beitragen, die auf eine verringerte
Hörfähigkeit hinweisen. Gleichzeitig warnen Wissenschaftler wie auch der Na-
tionale Ethikrat (VKZ 64247, 2006) vor der sogenannten »cyborgization« (Va-
lente 2011) der Gehörlosen, die mit Projekten wie »Colton Sackett, the first bi-
lateral Nucleus®Freedom™ baby« biopolitische Normalisierungserwartungen von
Hörenden und ›CI- Kolonialisierern‹ (Valente 2011: 645) implantieren.

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