Wie zusammen leben

Die Versprechen der Commons

Workshop
27.-28. Januar 2017
Bischofsvilla
organisiert von Vertr.-Prof. Dr. Andrea Seier und der Forschergruppe „Mediale Teilhabe“
Programm als PDF

In den letzten Jahren haben die Thematik der „commmons“ bzw. Praktiken des „commoning“ (Peter Linebaugh (2008) in Diskussionen über Gemeinschaften,
Kollektive und Kooperation zunehmend an Bedeutung gewonnen. Diskutiert werden (mediengestützte) Formen der Vergesellschaftung, die traditionelle und/oder territoriale Grenzziehungen (Nationalstaaten, Kontinente) und neue (mobile) Kollektive entstehen lassen. Die darin erprobte Kunst des Zusammenlebens wird u.a. unter dem Begriff der Konvivialität (con-vivere: zusammen leben) diskutiert. Der österreichisch-amerikanische Philosoph Ivan Illich (1926-2002) hat in seinem 1975 erschienenen Buch „Selbstbegrenzung“ (im Orig.: Tools for Conviviality) den Begriff „konvivial“ eingeführt, mit dem er eine Gesellschaft bezeichnet, die ihren eigenen Werkzeugen (Techniken, aber auch Institutionen) konsensuale Wachstumsbegrenzungen auferlegt. Thesen zur Selbstbegrenzung, zu Entschleunigung und Umverteilung, zum Umbau von Institutionen und gesellschaftlichen Teilhabeprozessen gewinnen gegenwärtig angesichts globaler ökologischer und sozialpolitischer Entwicklungen wieder an Aufmerksamkeit.

Im Workshop mit kombiniertem Blockseminar wollen wir uns mit den gegenwärtigen Versprechen der commons auseinandersetzen. Worin liegen sie? Was macht Praktiken des commonings derzeit populär? Und was macht ihre kulturellen und politischen Bedingungen aus? Auf welche Probleme gegenwärtiger Existenzweisen, Arbeitsteilungen und Wissensordnungen antworten sie? Und in welchem Verhältnis stehen die Versprechen der commons zu ihren medientechnologischen Bedingungen? Welches Verständnis von Technik und Technologien liegen ihnen zugrunde? Welche Rolle spielen Nostalgie und Fortschritt in den Praktiken des Commonings?

Die Versprechen der Commons werden im Workshop und Blockseminar anhand verschiedenster Beispiele diskutiert. Gastfreundschaftsnetzwerke wie „www.couch-Surfing.com“ und „airbandb.com“ werden ebenso thematisiert wie selbstorganisierte Kulturen des Mit- und Selbermachens, die sich als Labore für die neue die Kunst des Zusammenlebens verstehen. Von mobilen Küchen zu Trinkwasser-Kooperativen, von Open-Source-Betriebssystemen zu Repair Cafés werden Formen des gemeinsamen Herstellens von Arbeits- und Lebenszusammenhängen getestet, die das Verhältnis von Produktion und Konsumtion, von Gemeinschafts- und Privateigentum, von Experten- und Laienwissen befragen. Neue Medientechnologien stehen im Zentrum dieser gesellschaftlichen Transformationsprozesse. Sie geraten dabei allerdings nicht nur als gemeinsame Softwarelösungen in den Blick. Mit ihnen gehen vielmehr auch neue Formen der Kontrolle einher wie am Beispiel der mediengestützten Sicherung europäischer Grenzen diskutiert werden soll. Dabei wird deutlich werden, dass die zu beschreibenden Assemblagen von Technologien, Praktiken und Subjekten nicht nur Vernetzung und Kollektivierung sondern auch Entnetzung und (In-)Dividualisierung produzieren. Aus medienwissenschaftlicher Sicht sind die Technikutopien und -dystopien von besonderer Relevanz, die gesellschaftlichen Transformationsprozessen zugrunde liegen und diese ebenso befördern wie begrenzen.

Die Teilnahme am Workshop ist kostenlos.

Um Anmeldung wird gebeten unter robert.stock[at]uni-konstanz.de

 

PROGRAMM

Freitag, 27. Januar 2017

9:00 – 17:30 Uhr

Blockseminar

Öffentlicher Abendvortrag
18:30 Uhr
Die Welt reparieren.
Neue kollektive Zusammenschlüsse als Ausdruck gesellschaftlicher Transformation
Christa Müller (München)

20:15 Uhr
Abendessen

 

Samstag, 28. Januar 2017

09:30 Uhr
Begrüßung
Andrea Seier (Konstanz)

9.45 Uhr
Tools for Conviviality?
Zu den medientechnischen Voraussetzungen des commonings.
Andreas Beinsteiner (Innsbruck)

11:15 Uhr
Kaffeepause

11:30 Uhr
Bedingungen und Kontrolle medialer Teilhabe im Tourismus 2.0
Thomas Frisch (Hamburg) und Luise Stoltenberg (Hamburg)

13:00 Uhr
Mittagsimbiss

14:30 Uhr
Data Doubles. Europäische Grenzen als Praktiken der Premediation von Risiken
Christina Rogers (Dresden)

16:00 Uhr
Kaffeepause

16:15 Uhr
Commoning from the margins?
Negotiating images of flight in the Mediterranean Sea
Anouk Madörin (Potsdam)

19:00 Uhr
Abendessen

 

Abstracts der Vorträge

Die Welt reparieren.
Neue kollektive Zusammenschlüsse als Ausdruck gesellschaftlicher Transformation
Christa Müller (München)

In den Experimentierräumen der Großstädte hat die Suche nach geeigneten Formen des Umgangs mit Problemlagen begonnen, auf die Markt und Staat nicht (mehr) antworten. Dabei entstehen neue, commons-basierte Räume, in denen oftmals noch junge Akteure* mit kleinteiligen Lösungen für die Nahrungsmittel- und Energie-produktion, aber auch für Design und eine für alle zugängliche Technik experimentieren. Es entstehen Formen des kollaborativen Produzierens, Reparierens und
Teilens, die den industriellen Kapitalismus herausfordern und überschreiten.

Der Vortrag von Christa Müller nimmt eine zeitdiagnostische Einordnung des DIY/DIT vor und zeigt gesellschaftliche Bezüge und Sinnhorizonte auf, in denen diese Formen postkapitalistischen Fabrizierens gelesen werden können.

Christa Müller ist Soziologin und leitet die Forschungsgesellschaft anstiftung in München. Sie forscht zu urbaner Subsistenz. 2011 gab sie den Band „Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt“ heraus und co-kuratierte die Ausstellung „Die Produktive Stadt – Designing for Urban Agriculture“ (TU Berlin und TU München). Aktuell arbeitet sie zu Do-it-yourself-Kulturen als Netzwerke postindustrieller Produktivität. Dazu erschien 2013 „Stadt der Commonisten. Neue urbane Räume des Do it yourself“ (mit A. Baier und K. Werner) sowie 2016 „Die Welt reparieren. Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis“ (mit A. Baier, T. Hansing und K. Werner); beide bei transcript (Bielefeld).

 

Tools for Conviviality?
Zu den medientechnischen Voraussetzungen des commonings
Andreas Beinsteiner (Innsbruck)

Commoning meint eine soziale Praxis, die durch ein ebenbürtiges Miteinander im gemeinsamen Tun bestimmt ist. Als Commons werden die strukturellen und materiellen Grundlagen bzw. Rahmenbedingungen einer solchen Praxis bezeichnet. Zwischen Praxis und Rahmenbedingungen besteht hierbei ein zirkuläres bzw. iteratives Verhältnis: Strukturen sind ebenso sehr Resultat bisherigen geteilten Handelns, wie sie zukünftiges Handeln mitbedingen. Insofern der Denkansatz des Commoning unter Verweis auf solche Strukturen, deren jegliches Handeln bedarf und durch die es geformt wird, die essentialistische Festschreibung einer Natur des Menschen (als kooperativ oder egoistisch) zurückweist, steht er einerseits in Kontinuität zu marxistischen Analysen (die Produktionsverhältnisse bestimmen das Sein des Menschen), andererseits erweist er sich als anschlussfähig für eine medienwissenschaftliche Herangehensweise: Wird der enge Fokus auf Produktion zugunsten einer umfassenderen Her-Stellung (Heidegger) fallen gelassen, so sind es medientechnische Dispositive bzw. Infrastrukturen der Zugänglichkeit, die hinsichtlich ihrer Kompatibilität mit einem gemeinsamen Handeln zu untersuchen sind. Wie sind tools for conviviality verfasst? Der Beitrag versucht die analytischen Kategorien von Ivan Illichs diesbezüglich maßgeblichem Grundlagenwerk unter medienwissenschaftlichen Gesichtspunkten zu rekonstruieren.

Andreas Beinsteiner studierte Philosophie und Informatik in Innsbruck und Bergen. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Medienphilosophie, Technikphilosophie, (Post-) Phänomenologie und (Post-)Hermeneutik. Seine Dissertation rekonstruiert das Denken von Martin Heidegger als einen medientheoretischen Ansatz. 2010-12 Doktoratsstipendium der Universität Innsbruck, 2012-13 DAAD-Stipendium für einen Forschungsaufenthalt am philosophischen Seminar der Universität Freiburg im Breisgau, 2013-14 Forschungsprojekt „Medienanalysen im Werk Martin Heideggers“ (gefördert vom Tiroler Wissenschaftsfonds), 2015 Stipendiat am SFB1015 „Muße“ in Freiburg. Er hat an den Universitäten Bergen, Freiburg und Innsbruck in den Bereichen Informatik, Philosophie und Medienwissenschaft unterrichtet. Zu seinen aktuellen Publikationen zählen Körperphantasien: Technisierung – Optimierung – Transhumanismus (Hg. gemeinsam mit Tanja Kohn), Innsbruck 2016 sowie „Ontoludologie: Zum medial-agonalen Charakter von Phänomenalität nach Heidegger“ in Astrid Deuber-Mankowski/Reinhold Görling (Hg.): Denkweisen des Spiels, Wien 2016.

 

Bedingungen und Kontrolle medialer Teilhabe im Tourismus 2.0
Thomas Frisch (Hamburg) und Luise Stoltenberg (Hamburg)

Die Nutzung von touristischen Internetplattformen ist an eine Reihe von Bedingungen und Kontrolltechniken gebunden, die je nach Plattform in ihrem Umfang und ihrer Ausgestaltung variieren. Beim ausgewählten Fallbeispiel Airbnb entfalten sich diese Dynamiken bereits mit der Einrichtung eines Profils, durch das NutzerInnen sich als Host oder Gast ausweisen. Aktive Teilhabe beruht in der Folge maßgeblich auf der Preisgabe von sensiblen, persönlichen Daten. Ein reziprokes Bewertungssystem bietet UserInnen auch die Möglichkeit, selbst Kontrollmechanismen einzusetzen – als Instrument zur Belohnung von positiven Erfahrungen oder Sanktionierung unerwünschter Erlebnisse.

In unserem Vortrag werden wir die Bedingungen und Anforderungen, die mit der Nutzung der Plattform verbunden sind, aufzeigen und im Zuge dessen Formen der Steuerung, Regulierung und Kontrolle medialer Teilhabe herausarbeiten. Exemplarisch wird dies mithilfe unseres empirischen Materials am Prozess der Registrierung und Verifizierung sowie dem Bewertungssystem dargestellt.

Thomas Frisch ist Doktorand im Projekt „Tourismus 2.0 – Zwischen medialer Vermittlung und digitaler Entnetzung“  und erforscht die medialen Bewertungspraktiken des Tourismus. Sein Studium der Soziologie absolvierte er an der  Universität Salzburg sowie an der Universidade Federal do Rio de Janeiro. In seiner Magisterarbeit „Die Favela Carioca: vom sozialen Problem zum Ort der authentischen touristischen Erfahrung?“ beschäftigte er sich mit der Analyse des Favela-Tourismus in Rio de Janeiro. Zu seinen Forschungsinteressen zählen u.a. Tourismus- und Mediensoziologie, Soziologie des Bewertens, Slum Tourism und Urban Studies.

Luise Stoltenberg ist Doktorandin und erforscht im Rahmen des Projekts „Tourismus 2.0 – Zwischen medialer Vermittlung und digitaler Entnetzung“ die Medialität von Alltagserfahrung. Sie hat ihren Bachelor an der Friedrich-Schiller-Universität Jena in Soziologie (Hauptfach) und Philosophie (Nebenfach) absolviert und ist anschließend für das Soziologie-Masterstudium an die Universität Hamburg gekommen. Ihre wissenschaftlichen Interessen umfassen unter anderem Netzwerkforschung, digitale Medien, Mobilitäts- und Tourismusforschung.

 

Data Doubles. Europäische Grenzen als Praktiken der Premediation von Risiken
Christina Rogers (Dresden)

Das EU Grenzregime hat mit Informationssystemen und Überwachungsprogrammen ein Gefüge etabliert, um u.a. Migration über die Formation von Data-Double zu kontrollieren. Der Beitrag untersucht die Auswirkungen dieses Gefüges auf Funktionsweisen der Grenzen als Orte und Praktiken der Premediation zukünftiger Risiken. Die auf die Zukunft gerichteten funktionalen Rahmungen von Migration und die dazugehörige Produktion von Körper-Daten Hybriden werden aber auch in weiteren medialen Rahmungen sowie aktivistischen Netzwerken gebrochen oder gestört: In einer Vielzahl von ‚Refugee Movements‘ ist es zunehmend Programm geworden sich selbst zu repräsentieren, während Unterstützer_innengruppen an der sog. ‚Balkan Route‘ nicht nur Essen und Decken verteilen, sondern auch digitale Sorgearbeit leisten. In diesen Verhandlungen zwischen humanitärer Sorge und Aspekten der Sicherheit lassen sich Prozesse der Vergemeinschaftung feststellen, die das digitale Selbst längst einbeziehen.

Christina Rogers studierte Kulturwissenschaft, Kunst- und Bildgeschichte und Religionswissenschaft an der Universität Bremen, der Freien Universität Berlin sowie der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Forschungsprojekt „Principle of Disruption“ promoviert sie zu Migration in Europa. Sie befasst sich mit der Technologisierung des EU-Grenzregimes und untersucht die Auswirkungen von Informationssystemen auf die Regulierung der Migration, die Formierung und Instandhaltung der EU Grenzen sowie auf Migrant_innen. Dabei sollen insbesondere Störungspotenziale von Migration und Mobilität untersucht werden, die Mechanismen der Migrations- und Grenzkontrollpolitik freilegen und theoretisierbar machen.

 

Commoning from the margins?
Negotiating images of flight in the Mediterranean Sea
Anouk Madörin (Potsdam)

Currently, illegalized migration is overwhelmingly articulated in visual terms, negotiating political practices such as migration, bordering and flight as visual phenomena. The European Border and Mobility Regime has a strong iconology in depicting foreigners, migrants, trespassers and refugees as icons of global instability and disorder. The European Border Regime considerably relies on its visual articulations of exclusion at the sea and produces ‘illegality’, an exclusive mode of belonging and its imagined insularity through an affective arsenal of visualities. Against this backdrop, the thesis considers the challenges that the visual narratives of illegalized migrants and refugees pose to the Border Regime. The paper understands the visuality produced by the Harraga – a self-designated term of many refugees who cross the Mediterranean Sea from regions of Northern Africa – as opponent to the European Border spectacle. Using the trope of the ship and its backdrop of the sea, the visual articulations of Harraga contest and rework the hegemonic visuality of the European Border Spectacle and, thus, renegotiate and reclaim images of the Mediterranean Sea.

Anouk Madörin ist Doktorandin in der DFG Research Training Group “Minor Cosmopolitanisms” an der Universität Potsdam. Sie hat einen Bachelor in Gender Studies sowie einen Master in Kulturwissenschaft und war im Projekt „Gender und Gestaltung“ des Interdisziplinären Labors Bild Wissen Gestaltung an der Humboldt-Universität zu Berlin tätig. In ihrer Dissertation “Moving Affects – Affecting Movement: Cinematic Travelogues as Counternarratives of the European Border Regime” analysiert sie visuelle Narrative des europäischen Grenzregimes in einer postdemokratischen Gesellschaft mit Fokus auf Aspekte wie gender und race.

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